Das Geschäft mit der Energiewende

Die Energiewende hat viele Dimensionen. Die drei mit der wohl größten Präsenz in der Öffentlichkeit sind die sicherheitspolitische, die umweltpolitische und versorgungsökonomische Dimensionen. Ob in Europa, den USA oder in Asien – kein energiestrategischer Plan kommt ohne diese Elemente aus. Die sicherheitspolitische Dimension nimmt die de facto Verfügbarkeit der notwendigen Ressourcen in den Blick, die umweltpolitische Dimension richtet ihren Fokus auf Nachhaltigkeit und die versorgungsökonomische Dimension stellt den Verbraucherpreis in den Vordergrund. Bisweilen wird die „heilige Dreifaltigkeit“ ergänzt durch technologische (was ist realisierbar?) und soziale Aspekte (Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt).  Unter dem Strich bleibt der Tenor jedoch gleich: Die Energiewende im Sinne einer Verlagerung hin zu erneuerbaren Energien ist notwendig und grundsätzlich politisch sowie sozial gewollt. Dem stehen jedoch sicherheitspolitische und versorgungsökonomische Barrieren im Weg, die es zu überwinden gilt.

Die unternehmerische Dimension der Energiewende

Was im öffentlichen Diskurs jedoch häufig außen vor bleibt, ist die unternehmerische Dimension der Energiewende. Kurz gesagt: Mit der Energiewende lässt sich Geld verdienen. Allein in Deutschland ist der Markt für sogenannte „grüne Technologien“ seit 2007 um mehr als 12% gewachsen. In 2016 betrug deren Anteil am BIP etwa 15%.  Für den Großteil der Unternehmen geht es dabei nicht unbedingt um Stromproduktion, sondern die Produktion von PV Platten, Windturbinen und Batterien. Aber auch  Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz sind Teil des sog. Cleantech-Marktes.

Das „grüne“ Wachstum

Der Trend erfreut Unternehmen und Regierungen gleichermaßen. „Green growth“ – grünes Wachstum – lautet die Parole. Sie repräsentiert das Bestreben, wirtschaftliches Wachstum vom steigenden Energieverbrauch und CO2 Ausstoß zu entkoppeln und mit Nachhaltigkeit zu vereinbaren. Die Republik Korea (Südkorea) übernahm hierbei die Vorreiterrolle als sie in 2008 das sogenannte grüne Wachstum in ihrer nationalen Strategie verankerte. Diese zielt u.a. darauf ab, Südkorea zum Weltmarktführer im Bereich alternativer Energien zu befördern und damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sicherung des wirtschaftlichen Erfolgs und Reduktion von Treibhausgasen. Viele folgten dem Beispiel. Im Februar 2019 präsentierten nun auch die USA ihren sogenannten „Green New Deal“ – eine derzeit noch nicht bindende Erklärung, die u.a. „massives Wachstum“ im Bereich clean manufacturing (saubere Fertigungstechnologien) und drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen anstrebt.

Energiewende als Exportgut

Der globale Markt für erneuerbare Energien und die damit zusammenhängenden Produkte und Dienstleistungen wachsen (voraussichtlich um 4,82% in 2019) – und damit auch die Anzahl der Wettbewerber um seine Anteile. Besonders offensive Exportstrategien verfolgen dabei asiatische Akteure, allen voran die Volksrepublik China. Diese ist in den letzten Jahren zu dem mit Abstand größten Hersteller, Exporteur und Installateur von Solaranlagen, Windturbinen, Batterien und Elektrofahrzeugen avanciert. Dabei entwickeln sich chinesische Unternehmen zunehmend vom lediglich günstigsten Anbieter zum technologischen Marktführer. So waren im Jahr 2016 insgesamt 29% aller Patente im Bereich der erneuerbaren Energien in chinesischer Hand – einsame Spitze im weltweiten Vergleich. Der zweite Platz ging an die USA mit insgesamt 18% des globalen Patentoutputs.

Die chinesische Cleantech-Industrie profitierte insbesondere von der zunehmenden Einführung von Feed-in-Tariffs, die die weltweite Nachfrage nach erneuerbarem Strom ankurbelte. Es ist davon auszugehen, dass der rapide Preisverfall der PV-Anlagen primär auf das chinesische Überangebot und nicht auf technologischen Fortschritt zurückzuführen ist. In diesem Zusammenhang sieht sich China auch im Bereich der erneuerbaren Energien (ähnlich wie in vielen anderen Exportsektoren) immer wieder mit Vorwürfen bzgl. unfairer Wettbewerbstaktiken konfrontiert. Von 2013 bis 2018 erhob die EU anti-Dumping und anti-Subventionsmaßnahmen gegen chinesische Solarmodule, erst seit Ende des vergangenen Jahres wurden die Importrestriktionen vollständig aufgehoben. Der Zugang zum US-amerikanischen Markt hingegen wird weiterhin stark durch Strafzölle beschränkt. Doch China lässt sich von dem Widerstand kaum ausbremsen. Neben dem bereits gut ausgebauten Handel mit Cleantech Equipment, arbeitet es seit Neuestem auch an Exportkanälen für das Endprodukt selbst: Strom. Die in 2015 ins Leben gerufene Global Energy Interconnection Initiative (GEI) – das energiefokussierte Pendant zur Belt and Road Initiative (BRI) – soll hierfür den Rahmen bilden.

Augenfällig ist, dass während das internationale Geschäft Chinas mit erneuerbarer Energie floriert, die nationale Entwicklung der Energieversorgung deutlich ambivalenter ausfällt. So fällt trotz hoher installierter Leistung der tatsächliche Anteil an erneuerbaren Energien in der inländischen Stromversorgung zum Teil überraschend gering aus. Die Rate der Abregelung beträgt im Schnitt zwischen 10 und 30 Prozent. Vor diesem Hintergrund dient die aggressive Exportstrategie nicht zuletzt auch dem Abbau der vorhandenen Überkapazitäten.

Greenwashing und andere Schattenseiten 

Die Diskrepanz zwischen der nominalen Kapazität und der realen Nutzung im Inland sowie zwischen nationalen und internationalen Strategien im Allgemeinen sind ein Symptom der zunehmenden Kommerzialisierung der Energiewende. Damit einher geht eine klare Priorisierung: Dem Unternehmer geht es primär um den Profit, der Umwelt- btw. Klimaaspekt wird hierbei nicht selten ein Mittel zum Zweck. „Erneuerbar“ wird zum Markenzeichen. Vor diesem Hintergrund spielt die öffentliche Wahrnehmung die ausschlaggebende Rolle. Eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung ist das sogenannte „greenwashing“ – das Ablenken von Mängeln im Bereich Umweltschutz durch die Hervorhebung von einzelnen (vermeintlich) nachhaltigen Praktiken. Nicht nur Unternehmen, auch Staaten bedienen sich dieser Methoden. Der Instrumentenkasten umfasst dabei ein breites Spektrum vom Bau bzw. Installation von de facto ungenutzten Anlagen bis hin zu Investitionen in schwer realisierbare transnationale erneuerbare Energiemegaprojekte. Ob nun zur reinen Imagepflege, im Dienste des Profits oder aus Überzeugung, der Ausbau der erneuerbaren Energien hat seinen eigenen ökologischen Preis. Viele der dafür notwendigen Technologien verlangen nach sogenannten seltenen Erden, deren Abbau die Umwelt ebenso belastet wie die fossile Energiewirtschaft. Und ebenso wie fossile Brennstoffvorkommen, sind auch diese Rohstoffe auf der Welt ungleichmäßig verteilt. Internationale Konflikte und Ausbeutung gehören damit keineswegs der Vergangenheit an.

Das Geschäft mit der Energiewende – ein dunkles Geschäft?

Während die einen die Kommerzialisierung der Energiewende kritisch sehen, argumentieren andere, dass wirtschaftliche Anreize der beste (wenn nicht gar der einzige) Weg sind, um dem derzeitigen carbon lock-in zu entkommen. Der Blick auf die bisherige Entwicklung globaler Wirtschaften und Gesellschaften scheint eher letzteres zu bestätigen. In unserer überwiegend kapitalistisch geprägten Welt, ist die Profitabilität einer Idee wohl die beste Voraussetzung – und der beste Indikator – für ihr überleben. Vor diesem Hintergrund lässt das blühende Geschäft mit der Energiewende hoffen, dass der langersehnte Systemwechsel mittelfristig realisiert wird. Zu bedenken bleibt, dass sich die Folgen dieser Transformation kaum vollständig abschätzen und nicht 100%-ig kontrollieren lassen. Gerade deshalb sollte der neue Markt nicht komplett sich selbst überlassen werden. Fest steht, wir brauchen eine Energiewende. Ist die Energiewende, auf die wir derzeit zusteuern, jedoch „die Richtige“? Und heiligt der Zweck in diesem Fall die Mittel? Diese Fragen sind weitaus schwerer zu beantworten. In diesem Sinne: Be careful what you wish for!

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