Neue Akteure auf dem Strommarkt

Wenn wir an die Stromwirtschaft denken, denken wir in der Regel an große Elektrizitätsversorger wie E.ON, RWE oder Vattenfall. Konzerne wie diese sind die amtierenden Champions der Branche und stehen damit im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es um das Thema Energiewende geht. Doch die Zahl an neuen Konkurrenten wächst. Neben einer Reihe von kleinen unabhängigen Ökostromanbietern, die im Zuge der weltweit zunehmenden staatlichen Förderung von erneuerbaren Energien z.T. wie Pilze aus dem Boden schossen, zeigen nun auch Großunternehmen mit traditionell anderem Kerngeschäft verstärkt Interesse an den Strommärkten, genauer gesagt, an Märkten für Erneuerbare, den sogenannten „grünen“ Strom.

Eine alte Industrie auf neuem Kurs 

Das sind zum einen „alte Hasen“ des Energiegeschäfts wie der Öl- und Gas-Gigant Shell. 2018 kaufte das Unternehmen den britischen Stromversorger First Utility Ltd. auf. Die in Shell Energy umgetaufte neue Tochter versorgt ab sofort alle Kundenhaushalte mit 100% Ökostrom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Solar und Biomasse. Ebenfalls in 2018 übernahm Total den französischen Stromversorger Direct Énergie. Auch BP, Eni und Statoil investieren in grünen Strom, insbesondere Solar- und Windstrom.

Elektromobilität als Sprungbrett in neue Geschäftsfelder

Doch die traditionellen Energiegiganten bleiben keineswegs unter sich. Der (angestrebte) Wandel des Energieversorgungssystems erweiterte den Pool um ganz neue Kandidaten. Zu den wichtigsten externen Newcomer-Gruppen gehören Autohersteller und Big-Tech Unternehmen. Der erste Name, der in diesem Zusammenhang in den Sinn kommt, ist wohl Tesla. Das Unternehmen stellt eine Art Bindeglied zwischen den beiden Gruppen dar und strebt mit seinem Geschäft laut Eigenaussage die Beschleunigung des weltweiten Übergangs zu nachhaltiger Energieversorgung an. Das vermutlich bekannteste Produkt dieser Bemühungen ist das gleichnamige Elektroauto, doch Tesla bietet auch Produkte und Lösungen für Stromversorgung wie beispielsweise Solarmodule und Speichertechnologien an. Der neu aufkeimende Markt für Elektromobilität sowie die allgemeinen Potenziale im Bereich der nachhaltigen Stromversorgung locken allmählich auch die herkömmlichen Vertreter der Automobilbranche. Im Januar diesen Jahres gründete Volkswagen die Elli Group GmbH – eine Tochtergesellschaft für Energie-Angebote und Ladelösungen, die zu 100 Prozent CO2-freien Strom aus erneuerbaren Quellen anbieten soll. Wenige Monate zuvor ging Audi eine Partnerschaft mit Arcadia Power ein, einem US-amerikanischen Dienstleister, der Verbraucher beim Wechsel zu und der Förderung von erneuerbarem Strom unterstützt.

Neue Schnittstellen zwischen Angebot und Nachfrage

Indes vergrößern Big-Tech Giganten wie Google und Apple bereits seit einigen Jahren ihre Rolle auf dem Markt für „grünen Strom“. Eine zentrale Triebkraft dieser Entwicklung ist die wachsende Bedeutung des Nachfragemanagements in der Stromversorgung. Sogenannte „smart“-Technologien sind hierbei die ausschlaggebenden Instrumente. Die multinationalen Konzerne gehen jedoch noch einen Schritt weiter. 2009 gründete Google seine Energietochter „Google Energy LLC“ und wagte als erstes nicht-Energie Unternehmen einen gezielten Vorstoß in die Branche. Google Energy erwarb die Lizenz zum Handel mit Strom und ermöglichte Google damit, Strom von ausgewählten Anbietern direkt zu beziehen. Google nutzte diesen Mechanismus zunächst vor allem, um den eigenen Energiebedarf über erneuerbaren Strom zu decken. Bereits einige Jahre zuvor begann das Unternehmen in die Entwicklung und den Bau von Anlagen für erneuerbare Energie zu investieren. Andere folgen inzwischen vermehrt diesem Beispiel. So reihte sich 2016 Apple mit „Apple Energy LLC“ ebenfalls in die Riege der Stromanbieter ein.

Der Trend beschränkt sich nicht nur auf die USA und Europa. In Asien mischt der japanische Telekommunikationsriese „SoftBank“ den Strommarkt auf. Basierend auf dem Engagement seines Gründers und CEO Masayoshi Son etablierte sich der Konzern nach der Dreifach-Katastrophe von Fukushima im März 2011 als eine (wenn nicht sogar die) treibende Kraft der Energiewende in Japan und Asien. Neben hohen Investitionen in Erneuerbare Energieprojekte beispielsweise in der Mongolei und Indien sowie der inzwischen fast schon obligatorischen Gründung einer Energietochter, der SB Energy, die sich der Versorgung der japanischen Verbraucher mit „grünem Strom“ widmet, unterstützt der Konzern außerdem die Konzeptionalisierung und Entwicklung des sogenannten Asia Super Grid.

Neue Mannschaft, neues Glück?

Noch ist schwer abzuschätzen, wer bei unserer Elektrizitätsversorgung am Ende die Oberhand behalten wird. Während die einen von einer regelrechten Revolution des Strommarktes sprechen, stehen andere den neuen Marktteilnehmern vergleichsweise skeptisch gegenüber und setzen nach wie vor auf die bereits etablierten Champions. Damit eng verbunden ist oftmals die Haltung gegenüber der (kurzfristigen) Realisierbarkeit einer Energiewende. So sind die „Revolutionäre“ im Schnitt weit optimistischer eingestellt als die „Traditionalisten“. Die Korrelation folgt durchaus einer gewissen Logik: Ein grundlegender Systemwandel erscheint umso wahrscheinlicher, je größer der Einfluss von neuen Akteuren ist. Einem alten Hund bringt man bekanntlich keine neuen Tricks bei. Ob das auf die Stromversorgungswirtschaft zutrifft – und welche Rolle die neuen Akteure spielen werden – bleibt zunächst abzuwarten.

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