Die Idee des „Supergrid“ – unsterblich oder untot?

Das „Asian Supergrid“

Asian_Super_Grid

 

Transnationale Stromversorgung als Lösung für die Standort- und Variabilitätsprobleme von Erneuerbaren Energien

Unter dem fast schon trendingen Titel  “‘Silk Road Super Grid’ Project”  – das Supergrid Projekt der Seidenstraße – berichtete Kazakh TV, der erste nationale Satellitensender Kazakhstans, erst vor wenigen Wochen von der gigantischen Initiative, die eine regionale Energiewende in Eurasien maßgeblich vorantreiben soll. Der Schlüssel für den mutmaßlichen Erfolg ist die transnationale Integration von Stromnetzen wie es im Europäischen Verbundsystem der Fall ist. Das Ergebnis wäre ein sogenanntes Supergrid – ein riesiges transnationales Stromnetz, das als ein System operiert. Für seine Anhänger scheint das Supergrid-Konzept beinahe so etwas wie der Heilige Gral der Energieversorgung zu sein. Das Argument ist auf den ersten Blick simpel wie einleuchtend: Erneuerbarer Strom kann an den dafür am besten geeigneten Standorten produziert und über das Supergrid dahin transportiert werden, wo er gebraucht wird. Gleichzeitig wird so auch das Problem des fluktuierenden Outputs gelöst  : Die Diversifikation von Angebot und Nachfrage ermöglicht eine dauerhafte Balance von Stromproduktion und -konsum. Dabei gilt, je mehr unterschiedliche Länder Teil des Netzwerks sind, desto besser funktioniert das System. Damit würde das Supergrid in etwa wie eine internationale Stromversicherung funktionieren – vorausgesetzt es kommt zustande.

Totgeglaubte leben länger – Die Geschichte des „Supergrid“

Fakt ist, das “Silk Road Super Grid” ist nur das jüngste Glied in einer Reihe von “Supergrid” Konzepten, die seit den frühen 2000ern immer wieder das Interesse von Wissenschaftlern, Politikern und bisweilen auch Unternehmern auf sich zogen. Ihre bisherige Erfolgsbilanz ist jedoch reichlich ernüchternd. Das ursprüngliche Modell – DESERTEC – stammt aus Europa und wurde insbesondere von Deutschland vorangetrieben. Die Kernidee der Initiative bestand darin, Solarstrom in den Wüsten des Mittleren Ostens und Nordafrika (häufig als MENA-Region bezeichnet) zu produzieren und diesen nach Europa zu exportieren. Das Projekt wurde nicht nur damals schon als Hoffnungsträger für die Energiewende gehandelt, sondern auch als eine Form von Entwicklungshilfe für die MENA Staaten. Trotz breitflächiger Unterstützung – sowohl staatlich als auch privat – gelang die Umsetzung jedoch nicht. In 2013 wurde das Projekt in dieser Form offiziell für gescheitert erklärt. Ableger der Idee trafen in Asien jedoch auf fruchtbaren Boden. Eingeführt unter der Federführung der Hanns-Seidel-Stiftung in Korea als Zwillingskonzept von DESERTEC unter dem Namen GOBITEC in 2009 entwickelte es schon bald eine eigene Dynamik in der Region. Einen entscheidenden Impuls in diesem Zusammenhang lieferte das Reaktorunglück von Fukushima in 2011. Nur wenige Monate nach der Atomkatastrophe verkündete der CEO der SoftBank Group, eines japanischen multinationalen Konzerns, seine Version des Konzepts: das Asia Super Grid. Kurz darauf, während des APEC-Gipfels 2012 in Vladivostok präsentierte der Präsident der Russischen Föderation Vladimir Putin der japanischen Delegation das russische Pendant: den “Asiatischen Energiering”. In 2015 während des Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung gesellte sich schließlich auch die chinesische Vision eines Supergrids dazu: die Global Energy Interconnection Initiative, präsentiert von Staatschef Xi Jinping als Teil der Belt and Road Initiative.

Kritik am Konzept

Viele Fachleute sind von der Neuerfindung des Konzepts jedoch wenig überzeugt. Neben den technischen Herausforderungen – die zwar nicht unlösbar, jedoch auch alles andere als trivial sind – betonen Skeptiker vor allem die wirtschaftlichen und geopolitischen Barrieren für ein derartiges Megaprojekt. Das zentrale Argument beruft sich hierbei auf die damit verbundenen hohen Unsicherheiten und Risiken. Kurz gesagt, der Aufbau eines Supergrids ist teuer und die notwendige Regulierung erfordert viel Koordination zwischen Regierungen, die sich gegenseitig nur bedingt vertrauen. Wie im Fall von DESERTEC bleiben trotz erster gemeldeter Fortschritte die zentralen Fragen der Verteilung von Kosten, Nutzen und Verantwortung auch in den Asien-zentrierten Konzepten weitgehend ungeklärt. Solange das der Fall ist, sind Fortschritte jenseits von theoretischer Planung und politischer Rhetorik wohl unwahrscheinlich.

Einmal Asien und zurück

Ungeachtet aller Kritik scheint die konzeptuelle Entwicklung des Supergrids weiterhin Fahrt aufzunehmen – wenn auch eher unter dem Radar. Im Oktober 2017 nahm SoftBank eine Windfarm in der Wüste Gobi (Mongolei) in Betrieb. Die dort produzierte Elektrizität soll mittelfristig nach China, Korea, Japan und Russland exportiert werden, weitere Projekte dieser Art sollen folgen. Mit der oben erwähnten kasachischen Initiative rückt nun auch Europa wieder ins Gravitationsfeld der Visionen als möglicher Importeur des zentralasiatischen „grünen“ Stroms. Eine zentrale Rolle in diesem Zusammenhang spielt sicherlich nicht zuletzt auch das Interesse Chinas an dem europäischen Strommarkt.

Auch das alte DESERTEC regt sich plötzlich wieder, diesmal unter der Schirmherrschaft des Königreichs Marokko. Während der COP22 in 2016 unterschrieben Marokko und  4 EU Staaten, darunter Deutschland, eine gemeinsame Erklärung zur strategischen Entwicklung eines nachhaltigen Elektrizitätshandels. Ebenso stehen tunesische Solarprojekte wieder in der Diskussion zu einer Quelle von sauberem Strom für Europa zu werden.

Europa, Asien und die Energiewende

Ob nun lebendig oder eher untot – die Idee des Supergrids bringt den transnationalen Charakter der sogenannten „Energiewende“ und die damit verbundenen Fragen gut zum Vorschein. Sie illustriert wie Konzepte übertragen und assimiliert werden, wo Prioritäten liegen und von wem diese gesetzt werden. Dabei lässt sich Ostasien nach wie vor zwar gerne von Europa inspirieren, jedoch weder das europäische Model aufstülpen noch von dessen Niederlagen abschrecken. Stattdessen soll der Spieß, wie so oft, umgedreht werden. Ungeachtet des Erfolgs oder Misserfolgs hinsichtlich der Entstehung eines asiatischen oder gar eurasischen Supergrids ist davon auszugehen, dass allein die Dynamiken, die die intensive Förderung des Projekts unweigerlich auslöst, von signifikanter Bedeutung für Europa  und die Entwicklung der globalen Energieversorgung sein werden.

Das Supergrid ist tot – lang lebe das Supergrid.

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